Streithammel

Heute habe ich eine fremde Familie belauscht. Ja, das gebe ich unumwunden zu! Ich habe so richtig meine Ohren aufgesperrt, mich nur vorsichtig bewegt, um ja kein Wort zu verpassen. Und wisst ihr auch warum?

Weil die Kinder sich gestritten haben. Oh man, wie tief kann man als Mama sinken? Oder wie tief kann ich nur sinken? Hab‘ ich mich im ersten Moment gefragt. Im zweiten nicht mehr. Denn warum nicht mal zuhören, was in anderen Familien anders läuft.

Aber wisst ihr, was das Besondere an diesem Streit war? Man hat ihn nicht gehört. Wie jetzt? Eben schreibe ich noch, dass ich meine Ohren aufgesperrt habe, um nichts zu verpassen und dann „man hat nichts gehört“. Wie ist das denn möglich?

IMG_5525.JPG

Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen: ich selbst habe, wie einige von euch wissen, zwei Kinder. Zwei Jungs mit einem Altersunterschied von fünf Jahren und zwei Wochen. Beide sind recht lebhaft, der Jüngere etwas mehr als der Ältere. Beide recht willensstark, stur und – mein lieber Mann – sie können ihre Sache. Bei der Vergabe der Lautstärkeregelung haben sich beide dezent im Hintergrund gehalten und dementsprechend laut geht es bei uns zu. (An alle Nachbarn an dieser Stelle: schön, dass ihr es mit uns aushaltet 😉 ) Nun ja, und sollten die zwei Helden sich einmal in die Wolle bekommen, was nicht selten der Fall ist, wird es dramatisch laut. Da fliegen Worte durch die Gegend, die ich nicht wiedergeben möchte. Es wird alles gesagt oder vielmehr geschrien, was man eben gedanklich so zu fassen bekommt. Ob das fair oder angebracht ist, spielt dann eigentlich keine Rolle mehr. Manchmal gehen dem Kleinen die Worte angesichts dieser verbalen Übermacht aus und er lässt – notgedrungen – die Fäuste / Fingernägel etc. pp. sprechen. Das ist nicht schön. Das ist nicht ok. Das macht mich als Mama nicht glücklich. Aber es IST – verdammt nochmal – so. Denn NEIN, meine Kinder sind nicht als kleine Erwachsene mit perfekten Verhaltensweisen und der angeborenen Fähigkeit Konflikte harmonisch zu lösen auf die Welt gekommen.

So salopp es sich anhören mag: sie lernen noch! Täglich auf’s Neue. Immer und immer wieder üben sie sich, Konflikte möglichst auf ihre eigene Art zu lösen. Kompromisse zu finden und damit zu leben. Das ist nicht leicht. Das ist eine ziemlich große Aufgabe für kleine Menschen. Und ist nicht genau dafür ihre Kindheit da?!

Soweit es geht, versuche ich mich aus den Konflikten meiner Kinder herauszuhalten. Versteht mich nicht falsch, ich lasse sie nicht allein. Aber ich versuche, mich nicht sofort einzumischen, wenn ich merke, sie kommen an ihre (verbalen) Grenzen. Aus einiger Entfernung beobachte ich und greife erst dann ein, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Das ist bei Kindern mit einem Altersunterschied von fünf Jahren noch relativ oft der Fall. An manchen Tagen bleibe ich ruhiger als an anderen, an denen ich selbst gereizt bin. Aber ich merke zusehends, dass die Kinder versuchen, ihren Streit ohne Erwachsene zu regeln. Das schätze ich sehr! Es sind bis jetzt nur kleine Schritte, aber sie sind da und das ist es, was zählt.

Nun zurück zu meinem belauschten Streit. Wie gesagt, es ging ruhig zu, fast friedlich. Am liebsten hätte ich meine Ohren auf Satellitenschüsselgröße gebracht, um mehr zu hören. Und dann war es schließlich doch da: „Mama, der Paul hat aber gesagt, dass ich doof bin. Der Paul ist doch selber doof.“ „Ey, Mama! Was Mia sagt stimmt nicht, die verdreht immer alles!“ Alles sehr ruhig vorgetragen, die Stimme kaum erhoben. Im Vorbeigehen hätte ich es nie als Streit wahrgenommen. Wahnsinn oder? Meine Zwei wären schon längst mit Worten aufeinander losgegangen, dass die Fetzen nur so fliegen. In dem Moment habe ich mich irgendwie geschämt. Ich meine, ständig hört man meine Kinder. Wenn sie streiten, werden sie (sehr) laut. Oder ungerecht. Oder verletzend – sowohl mit Worten als auch mit Taten. Ein bisschen kam ich mir vor, als ob ich versagt habe, es meinen Kindern richtig beizubringen. Ihr kennt das, oder?

Aber dann gingen mir die Augen auf: andere Kinder streiten ja auch. Vielleicht nicht so, dass die ganze Nachbarschaft etwas davon hat. Vielleicht leise und im Stillen. Aber verletzen denn leise Worte nicht genauso sehr wie die lauten? Und ist es besser, wenn die Kinder von sich aus die Mama zum Streiten mit ins Boot holen, anstatt sich redlich bemühen, es allein zu klären?

Was ich sagen will: es sind Kinder! Sie sind nicht erwachsen und das ist gut so. Sie dürfen Fehler machen, wie wir alle. Es steht uns nicht zu, ein Urteil zu fällen, wessen Kinder die Besseren oder die Braveren oder oder oder sind. Natürlich gibt es persönliche Zu- und Abneigung. Aber davon spreche ich nicht. Ich meine diese typische Haltung: „Schau mal, wie toll meine Kinder sind!“

IMG_5414.JPG

Ich kann ein Lied davon singen, wie es ist, wenn man auf der anderen Seite steht. Wenn die eigenen Kinder untereinander aber eben auch fremden Kindern gegenüber nicht ins „Verhaltensmuster a“ passen. Eben „ihr eigenes Ding“ machen. Anders sind. Aber deswegen bin ich nicht weniger stolz auf meine Kinder und ihre Erfolge. Vielleicht macht es mich sogar noch stolzer, weil ich weiß, wieviel Arbeit es für sie bedeutet hat, dahin zu kommen, wo sie jetzt sind.

Das Leben als Mutter ist ein einziges großes und chaotisches Abenteuer und wenn ich in den fast neun Jahren, die ich in dem Club bin, eines gelernt habe, dann ist es: es ist nichts, wie es auf den ersten Blick scheint. Das gibt mir täglich neuen Mut. Denn auch bei diesen scheinbar perfekten Familien gibt es/ gab es/ wird es geben einen Bereich, der eben nicht so perfekt ist. Der Mama und Papa schlaflose Nächte bereitet. Das sieht natürlich niemand und außer der engsten Familie wird es auch keiner erfahren. Aber ebenso gibt es / gab es / wird es geben auch in diesen chaotischen Familien wie unserer diese perfekten Momente, in denen es so richtig gut läuft – zu Hause, hinter geschlossener Tür und ohne dass die Nachbarn, Freunde, Verwandte usw. es sehen. Das lässt uns Chaos-Mamas weitermachen, besser werden und nicht aufgeben.

Macht es euch hübsch und schaut einmal mit Nachsicht auf eure Umwelt, wer weiß, was ihr entdecken werdet 🙂

Eure Kathi

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s