Sei wild und frech und wunderbar

Dieses Zitat von Astrid Lindgren lese ich immer wieder. Sei es auf Mami-Blogs oder Instagram oder auch in sogenannten Ratgebern.

Es scheint, als ob wir immer und an jeder Stelle dafür aussprechen, dass unsere Kinder immer noch Kinder sein dürfen. Aber ist das wirklich so?

Ich habe versucht, dem Ganzen mal ein wenig auf den Grund zu gehen:

Montagmorgen

  • 6:10 Uhr: der Wecker klingelt. Aufstehen, zack zack ins Bad und selbst einigermaßen herrichten.
  • 6:25 Uhr: Kinder aus den Betten schmeißen („Nein jetzt wird nicht mehr gekuschelt, jetzt gehts raus! Vielleicht haben wir ja heute Abend Zeit dafür.“) und sichergehen, dass sie auch wirklich angezogen sind, Zähne geputzt haben usw.
  • 6:50 Uhr: Frühstück. Wer Hunger hat, isst was, wer nicht, der nicht.
  • 7:15 Uhr los geht’sin den Kindergarten
  • 7:30 Uhr +/- :Arbeitsbeginn
  • 12:30 Uhr: Heimkommen aus dem Kindergarten….
  • 13:30 / 14:00 Uhr: Nachmittagsprogramm
  • 18 Uhr Abendessen
  • 19 Uhr Bettzeit

Sicher kennt ihr einen ähnlichen Zeitplan, vielleicht sogar noch viel straffer, als es unserer ist. Ich weiß, dass wir damit nicht allein auf weiter Flur sind. Zeit ist schließlich Geld und davon haben wir alle (ok, die meisten) zu wenig. Das zwingt uns also, dass wir auf die ein oder andere Weise einen – mehr oder weniger – gut bezahlten Job ausüben. Der Haushalt, nun ja, der verschlingt auch noch einiges an Zeit und dann sind da ja auch noch unsere Kinder. Wenn wir es uns denn zeitlich überhaupt leisten können, mehr als eins zu haben. Denn die lieben Kleinen verschlingen von unser kostbaren Zeit gerne und viel. Da kommt man mit einem gerade so zurecht, zwei bringen einen an die Grenzen und mehr? Unmöglich.

Wirklich? Bei vielen von uns ja, leider! Aber nicht, weil die Kinder per se die Zeitfresser sind. Vielmehr ist es doch so, dass wir sie perfekt auf das Leben ohne uns vorbereiten wollen. Also müssen sie unbedingt ins „Krabbelenglisch“ und ein Instrument müssen sie auch lernen. Möglichst sehr früh beginnen, wegen der Synapsen und so. Ach und bitte nicht das Kinderturnen vergessen, wegen der Koordination und der Motorik. Später kommt das Schwimmen, wenn es denn nicht seit dem Säuglingsalter so oder so dazugehört hat. Vergessen wir nur nicht den Sportverein mit dem Mannschaftssport, wegen des Teamgeistes. Der Kunstkurs am Wochenende ist ja auch noch so ein Thema – ganz wichtig! Wegen der alternativen Ausdrucksmöglichkeit.

Und wo bitte bleibt jetzt die Zeit zum wild, frech und wunderbar sein?

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Wieviel Netto-Zeit haben unsere Kinder eigentlich zum freien Spiel? So ganz ohne unsere Einmischung. Ohne Vorgaben. Vielleicht sogar mit – ja, ich liebe dieses Wort – LANGEWEILE.

Ist die Kindergartenzeit einmal vorbei und unsere Kinder kommen in die Schule, geht der Druck weiter. Hausaufgaben, Lernen, Lernen, Lernen. Bloß nicht bei Regen raus, krank werden ist nicht drin.

Von wild keine Spur. Frech? Bitte nicht, das könnte negative Folgen haben. Im Zeugnis auftauchen. Wunderbar? Naja, wenn die ersten Zwei nicht da sind, brauchen wir das Dritte auch nicht mehr wirklich (auch wenn wir es insgeheim noch so gern hätten).

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Im Gespräch mit einer älteren Erzieherin bekam ich bestätigt, was ich ohnehin lange vermutet habe: trotz (Früh-)Förderung sind unsere Kinder nicht schlauer oder geschickter oder angepasster oder artiger. Nein, es scheint so, als ob es genau entgegengesetzt ist.

Im Gespräch mit einer Lehrerin zog es sich wie ein roter Faden fort: die Kinder sind – entschuldigt meine Offenheit – dümmer denn je. Und das nicht nur bildungstechnisch. Sozialverhalten ist ein Fremdwort geworden. Kann das sein? In unserem Land, in unserem SOZIALstaat? Wo doch soviel für die Kinder getan wird? Seit dieser unglückseligen Pisa-Studie hat man doch alles auf den Kopf gestellt und das Rad scheinbar neu erfunden. Wieso läuft es nur immer noch so falsch? Wo sind wild und frech und wunderbar?

Gehören sie wirklich in eine „Astrid Lindgren Welt“; dahin wo Pippi Langstrumpf und Michel leben? Gehört das einer Zeit an, in der man Bildung kleiner schrieb und die Menschen nicht „so weit waren“ (wie wir meinen es heute zu sein)?

Ich glaube das nicht!

Wir haben kürzlich einen Sportverein verlassen. Um den Druck rauszunehmen. Um mehr Zeit zum Wildsein zu haben. Wunderbar!

Wir machen am Wochenende, wenn es irgendwie geht, nichts, damit Zeit da ist, zum Nichtstun, zum Freisein, zum Wildsein. Wunderbar!

Wo es nur geht, versuchen wir uns herauszuhalten. Auch wenn unsere Kinder mal frech sind. Wunderbar!

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Oft sehe ich ältere Menschen (von den Griesgrämigen mal abgesehen), die sich richtig freuen, wenn meine Wilden mit dem Fahrrad um die Ecke gesaust kommen, dreckig und strahlend. Viele sagen nichts dazu und grinsen nur. Aber manche wagen sich, ihrer Freude über spielende Kinder Ausdruck zu verleihen. Selten sei es geworden, sagen sie. Man hat ja immer nur Termine, sagen sie. Wenn sie an ihre eigene Kindheit denken, wie anders es war, sagen sie.

Und ich bin mich jedes Mal betroffen: wieviel von dem „wild und frech und wunderbar“ nehmen wir unseren Kindern? Auch diese älteren Menschen haben es in ihrem Leben zu etwas gebracht. Ohne Frühförderung. Ohne Dreisprachigkeit. Ohne sonstwas. Einfach so. Weil sie einfach Kinder sein durften – wild und frech und wunderbar!

Eure Kathi

 

 

 

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